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30 Goldene Regeln
1. Gruppe: Sprachliche Kommunikation
Wir gehen davon aus, dass es im Umgang mit Menschen, die erst seit kurzem sehbehindert oder blind geworden sind, an uns Sehenden liegt, den Kontakt zu schaffen. Menschen, welche noch mit der Tatsache der Sehbehinderung zu schaffen haben, sind in einer Krisensituation – auch wenn es an sich starke Persönlichkeiten sind – geschwächt. Es liegt deshalb an jenen, die nicht in der gleichen Hinsicht geschwächt sind, ihnen entgegenzukommen und die Kommunikation zu erleichtern.
1. Im Vorübergehen auf den Gängen, beim Eintreten in ein Zimmer, im Lift den eigenen Namen nennen. Das «Wer bin ich?» - Spielchen unterlassen.
Diese Formulierung ist die Kurzform von: Alle Bewohnerinnen und Bewohner werden immer gegrüsst, auch wenn man mehrmals am Tag an ihnen vorbeigeht. Beispielsweise: "Guete Morge, Frau Zuberbühler, das isch d’Frau Heussler" Alle Bewohnerinnen und Bewohner werden gegrüsst, auch jene, die uns sicher am Schritt erkennen, denn der Gruss ersetzt ein Lächeln, Winken oder Kopfnicken, das wir im Vorübergehen sehenden Mitmenschen zukommen lassen würden.
Den eigenen Namen an den Gruss anzuhängen, schafft Sicherheit und Klarheit. Auch wenn uns jemand verlässlich an der Stimme oder am Schritt erkennt, wollen wir das Erkennen-Können-Müssen nicht der Bewohnerin oder dem Bewohner zuschieben. Hintergrund unseres Grüssens ist es ja, auf sie zuzugehen, sie einzubeziehen und so die Isolation, hervorgerufen durch den Sehverlust, etwas aufzubrechen. Ausserdem ist es nicht leicht, bei einer Erkältung oder einem verstauchten Knöchel – wenn wir also an Stimme oder Schritt nicht mehr erkannt werden können – plötzlich den Namen anzuhängen, wenn wir uns dies nicht angewöhnt haben.
Der Gruss ermöglicht es den Bewohnerinnen, uns anzusprechen, den Kontakt aufzunehmen oder uns mit dem Gegengruss einfach vorbeigehen zu lassen. Dieser Gruss ist kein Zeitverlust, im Gegenteil, er verhilft uns dazu, wenigstens auf den Gängen stehen zu bleiben und den Gegengruss abzuwarten – besonders, wenn die gegrüsste Person langsam spricht – um so wenigstens annähernd im Rhythmus der Bewohnerinnen und Bewohner durch die Gänge zu gehen. Wenn wir diese paar Gruss-Sekunden mal nicht erübrigen können, können wir dies mitteilen und der Gegrüssten im Vorübereilen zuzurufen: "Gute Morge Frau Zuberbühler, das isch d‘ Frau Heussler, wo a ine verbiirännt". Frau Zuberbühler weiss dann, dass ich sie wahrgenommen habe und fühlt sich nicht an einem anonymen Ort, wo um sie herum Menschen rennen.
Ein Wort noch zum Spielchen: "Wer bin ich denn, Frau Zuberbühler, Sie kennen mich doch?" Aufgepasst: Sehbehindert- oder Blindsein ist kein Spiel. Wenn der/die Blinde spielen will, wird er oder sie dies mitteilen und dann können wir gerne darauf eingehen. Aber für kürzlich erblindete Menschen kann das Spiel mit der Behinderung schmerzlich sein, auch wenn sie dies nicht offen zeigen. Lassen wir es also bleiben, denn es zeigt weder, wie gut die betreffende Person einen mag noch wie gut man arbeitet, wenn sie einen an der Stimme erkennt, sondern sagt u.U. etwas über ihre Hörfähigkeit oder ihre Gedächtnisleistung aus.
Dass die Grusssituation nicht der Moment ist, zwischen sympathischen und unsympathischen Menschen zu unterscheiden, ist wohl selbstverständlich. Alle werden gegrüsst. Auch wenn man mit einer Person einen Strauss auszufechten hat, mag dies zwar unter Sehenden über die Missachtung des Nichtgrüssens geschehen, doch nicht im Kontakt mit Sehbehinderten. Darin läge ein Missbrauch der Sehbehinderung. Schaffen wir zuerst gleich lange Speere, dann mag allenfalls gestritten werden.
2. Beim Dazukommen oder Weggehen mitteilen, dass man jetzt da ist bzw. weggeht.
Für Blinde ist Realität, was sie hören. Wer auf leisen Sohlen kommt und sich nicht bemerkbar macht, ist nicht da. Natürlich ist kaum böse Absicht dahinter, wenn man gedankenlos daherkommt und ruhig daneben wartet, bis die Kollegin ihr Gespräch mit Frau Wiesentaler beendet hat. Der Anstand gebietet aber, dass man entweder ausser Hörweite wartet oder – wenn man dazutritt – kurz und hörbar sage: "D‘Frau Heussler isch da."
Vergegenwärtigen wir uns: Wenn Frau Wiesentaler weiss, dass ich zuhöre, spricht sie auch für meine Ohren. Jedes Gespräch unter drei Menschen ist ein anderes als jenes unter zwei Menschen. Auch in einer Gruppe ist es immer wichtig zu sagen, dass ich dazugekommen bin, denn vielleicht würde jemand etwas nicht oder nicht so sagen, wenn er oder sie gewusst hätte, dass ich es hörte.
Diese Mitteilung – wer mithört – ist enorm wichtig dafür, dass Menschen, die als Sehende ihr klares Gefühl für Intimität, Privatheit bzw. Öffentlichkeit entwickelt hatten, dies auch als Sehbehinderte entwickeln können. Wenn ich nicht zuverlässig weiss, wer mithört, werde ich mich sehr viel zurückhaltender ausdrücken, als wenn ich mir sicher sein kann, dass das, was ich sage nur die Ohren erreicht, die ich auch meine.
Wenn diese Mitteilung selbstverständlich und mit grosser Zuverlässigkeit von allen Mitarbeitenden einer Institution gemacht wird, kann das Klima persönlich werden.
Dass ich auch sage, wenn ich mich aus einem Gespräch oder einer Runde entferne, ist selbstverständlich. Stellen Sie sich vor, sie würden weitersprechen und weitersprechen, aber es ist kein Gegenüber mehr da ...
3. Im Gespräch mit einer Bewohnerin sich nicht optisch ablenken lassen oder es dann mitteilen.
Mancher mag hier sagen: "Natürlich sehe ich rundherum dies und das, wenn ich mit Blinden spaziere, aber ich kann doch nur den kleinsten Teil von dem mitteilen, was ich sehe. Was heisst denn hier "Ablenkung"?"
Diese Regel bezieht sich auf eine Situation, in der eine Entscheidung erforderlich ist: Bin ich in einem Gespräch, das ungestört verlaufen soll, weil es um innere, vielleicht schmerzliche aber jedenfalls persönliche Dinge geht, oder bin ich in einer Plaudersituation, die durch alles Rundherum durchaus eine Bereicherung erfährt?
Je nachdem, ob das Gespräch von seinem Inhalt her ungestört verlaufen soll oder eher Plaudercharakter hat, bin ich mehr oder weniger auf mein Gegenüber konzentriert. Ist meine völlige Konzentration gefordert, werde ich mich nicht optisch ablenken lassen, sondern schauen, um Dinge zu sehen, die dem Gespräch dienen: Wie geht es meinem Gegenüber, was entnehme ich der Körperhaltung, was dem Gesichtsausdruck? Wie reagiert mein Gegenüber auf das Gesagte? (Spät sehbehindert-gewordene Menschen haben meist noch Gesten und Mimik wie Sehende. Fehlen diese, bedeutet dies jedoch nicht, dass die entsprechenden Gefühle oder Stimmungen fehlen. Achtung: Wenn die Mimik und Gestik spärlich ist, bei Unsicherheit in Bezug auf den Gemütszustand nachfragen. Feine Unterschiede des Befindens aus der Stimme lesen zu können bedarf doch einiger Übung.)
Wenn wir beide jedoch einen Ausflug in die äussere (nicht die innere) Welt machen, so ist ja sicher angezeigt, dass ich schaue und mitteile, was ich sehe. Dies ist kein Ablenkenlassen sondern ein Schauen in beider Interesse.
Ablenkenlassen bedeutet, dass ich mich innerlich für einen Moment aus einer z.B. visuellen Veranlassung aus dem Gespräch entferne. Geschieht dies, so ist es einfach eine Frage der Höflichkeit, dass ich es sage und mitteile, wenn ich mit meiner ganzen Konzentration wieder da bin.
Die Bemerkung möge erlaubt sein, dass es Ehrensache und Ausdruck von hoher Professionalität ist, auch innerlich ganz bei der Person zu sein, bei der ich gerade bin. Wenn ich die Person mag, mit der ich bin, wenn ich von ihr lernen kann, wenn ich mit ihr lachen kann, ist das einfach. Wenn ich die Person aber nicht mag, die ich zu begleiten habe, ist dies schwierig und es ist der sanfteste, heimlichste und unauffälligste Weg, mich aus meinem Arbeitsauftrag herauszustehlen, wenn ich mich innerlich von der Person abwende. Im Umgang mit Blinden besonders verpöntes Verhalten!
4. Während eines Gespräches mit einer Bewohnerin nicht mit einer sehenden Person nonverbal kommunizieren.
Auch hier gilt wieder, dass die Behinderung nicht ausgenützt, nicht missbraucht werden darf.
Wenn mir jemand Zeichen macht, während ich mit der blinden Frau Feldbach spaziere, bedeutet das, dass er mich in ein Geheimgespräch verwickeln möchte, von dem Frau Feldbach nichts weiss und nichts wissen soll. Wenn ich mitspiele, ergibt sich ein Tarnkappen-Gefühl, eine geheime Gemeinsamkeit, die von besonderem Reiz ist. Wenn wir uns jedoch in die Situation von Frau Feldbach versetzen, merken wir sofort, dass dies nicht angeht. Es braucht aber nicht viel, damit dieses Zeichengeben und Faxenschneiden kein Problem mehr darstellt: Frau Feldbach muss es nur wissen und sie muss sicher sein, dass nicht etwas hinter ihrem Rücken gegen sie ausgeheckt wird. Vielleicht würde sie es nicht sofort bemerken, aber mit der Zeit spürt sie sicher, ob ich ihr zugewandt bin oder nicht.
Wenn ich zu Frau Feldbach sage: "Moment schnell, ich bin abgelenkt," und dann wieder: "so, ich bin wieder da," so reicht das aus. Ich signalisiere damit, dass ich in unserem Gespräch oder unserem Schweigen präsent bin: Das Abgelenkt – Sein wird benannt. Damit wächst Frau Feldbachs Vertrauen in meine Präsenz, auch wenn wir schweigen.
Hier ist eine kleine Anmerkung angebracht, die mit dem Sehbehindertwerden im Alter zu tun hat: Je nach Persönlichkeitsstruktur ist jemand eher vertrauensvoll oder eher misstrauisch. Wenn nun eine misstrauische Person im Alter erblindet, ist die beste Voraussetzung für die Entstehung von Bestehlungsideen und ähnlichen Wahnvorstellungen gegeben. Jedes Hinter-dem-Rücken-Faxen-Machen ist Gift für diese Person. Hier braucht es besonders viel Klarheit und Transparenz, besonders viel und zuverlässige Ansprache, Erklärung und Orientierungshilfe, so, dass das schwache Vertrauen in die Welt, das noch da ist, auch mit der Sehbehinderung wieder wachsen kann. Es müssen hier ganz kleine Schritte gemacht werden, um die Sicherheit in Bezug auf die Umwelt (Menschen wie Dinge) wieder zu gewinnen.
5. Sagen, wer sich nebenan, vis-à-vis oder überhaupt im Raum befindet.
Diese Regel bezeichnet die blosse Information darüber, wer sich in einem Raum, in den ich eine Bewohnerin, einen Bewohner hineinbegleite, wo befindet: in Tastdistanz, in Hördistanz, sonst noch im Raum. Es soll die Wahlmöglichkeit geschaffen werden, Kontakte zu schaffen (oder auch jemandem auszuweichen).
Blindenkultur, (also Kultur der Blinden, nicht Kultur für Blinde), hat viel mit dem Sich-bemerkbar-machen zu tun.
Das Blindenheim ist solange eine Institution von Sehenden – und damit eine Fürsorgeeinrichtung – solange sich die Bewohnerinnen nicht eigene Wege von Kontaktnahme schaffen. Wir Sehenden können versuchen, dazu die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen.
Es ist nicht jedermans Sache, so geräuschvoll in einen Raum hineinzukommen, dass alle wissen, jetzt ist die Vreni Müller da. Ausserdem weiss Vreni Müller dann ja noch nicht, ob der Herr mit der weichen tiefen Stimme auch im Raum ist.
Unter Blinden und Sehbehinderten muss notgedrungen die Toleranz für dieses oder anderes Verhalten grösser sein als unter Sehenden. Daher stünde es einem Blindenheim wohl an, eine Atmosphäre zu schaffen, die den Bewohnerinnen ermöglicht, sich auf unkonventionelle Weise akustisch oder taktil Information zu beschaffen.
Ich erinnere an die frühere Bewohnerin Frau Lasch, die auf dem Weg vom Speisesaal zum Lift miaute (um nicht mit schweigsamen MitbewohnerInnen zusammenzustossen). Sie miaute, weil ihr Hallorufen zu blöd war und weil sie sich innerlich über die kleinliche Haltung jener Sehbehinderten mokierte, die an der Wohlanständigkeit lieber festhalten wollten (man miaut doch nicht als erwachsene Person) und weil sie MitbewohnerInnen aufmuntern wollte, ihre Sehbehinderung anzunehmen und mit dieser neue Wege zu suchen.
6. Das Wort "sehen" darf benutzt werden.
Wie viele blinde Menschen sagen mir, sie wollen sich anpassen, möglichst nicht auffallen! Es sei einfach nicht nötig, mit einem anderen Sprachgebrauch als ihn Sehende hätten, noch mehr Barrieren zu schaffen. In diesen Zusammenhang gehört, dass Sehbehinderte beispielsweise sagen: "Uf Widerluege, äs hätt mi gfreut, dich z’gsee."
Nach anfänglichen Widerständen nun ganz mit dem – offenbar politisch korrekten – Sprachgebrauch vertraut, sage ich zu der neuen Bewohnerin Frau Füglistaler: "Gseend Si, ich stellene daa s’Glas here" und berühre mit dem Glas leicht ihre Fingerspitzen. "Ebe gseenis nöd, ich wär doch susch gar nöd daa wännis gsächt!! Das sötted si wüsse, das mier da alli nüüt me gseend!!" Grosse, bittere Anklage! Da geht es nicht um Sprachgebrauch, sondern um den Verlust des Sehvermögens, es geht um Trauer und Schmerz. Wie schal und hilflos meine Erklärung! Dass ich ihre Fingerspitzen berührte, hatte Frau Füglistaler gar nicht gemerkt. Im künftigen Kontakt mit ihr ist es sicher besser, das zutreffende Wort (spüren, hören, riechen, merken...) zu gebrauchen, um ihr zu zeigen, wie man auch noch "sehen" kann. Das Wort "sehen" kann für eine Weile im Wortschatz fehlen.
7. Im Gespräch beschreiben, was man tut (z.B. ein Taschentuch aufheben und wegwerfen, das Kissen wieder zurechtrücken).
Auch dies ist eine Selbstverständlichkeit mit Tücken. Vorerst ist klar: wir sagen alles, was wir tun. "Frau Laval, ich werde Sie jetzt waschen."
Aber: Wie genau sage ich, was ich tue, auf Kosten von was geht diese Information? Wenn ich alles, was ich tue, kommentiere, verhindert dies natürlich ein Gespräch, das vielleicht viel wertvoller wäre!? Wann ist das, was ich sage, blosse Information, wann ist es Angebot zur Diskussion darüber ob gewaschen werden soll, und falls ja, wie gewaschen werden soll?
Am liebsten verstünde ich die Regel folgendermassen: Die Dinge, die ich ganz automatisch und selbstverständlich tue, die ich nicht der Rede wert finde und mit denen sicher alle einverstanden sind, die will ich sagen. (Das Taschentuch aus Papier, das neben dem Papierkorb auf dem Boden liegt, sollte offensichtlich fortgeworfen werden, also werfe ich es weg.)
Alles andere will ich erfragen!
2. Gruppe: Bewegen im Haus
Unter diesem Titel sind Regeln zusammengefasst, die die Bewegung der Mitarbeitenden und die Bedingungen für freie Bewegung der Bewohnerinnen im Haus betrifft.
8. Nicht rennen (besondere Aufmerksamkeit im Treppenhaus, es könnten Menschen hinter einer Tür stehen, die ich rassig öffne).
"Nicht rennen!" richtet sich vorerst an Mitarbeitende. Aber wenn wieder einmal ein blinder Mann oder eine blinde Frau im Haus sind, die so rassig um die Ecken sausen, dass sie eine Gefahr für Mitbewohnerinnen und Mitbewohner darstellen, sind diese selbstverständlich mitgemeint!
Aber zugegeben: Diese Regel fällt insofern aus dem Rahmen, als es keine "Blindenregel" sondern eine "Altersregel" ist. Unter jungen Blinden würden wir eher Sturzgefährdung infolge von Zusammenstössen in Kauf nehmen, denn sie stehen leichter wieder auf als alte Menschen, brechen sich nicht so schnell die Oberschenkelhälse und stecken auch den Würdeverlust des Umfallens leichter weg.
Da das Umfallen bzw. das Aufstehen vom Boden mit steigendem Alter schwieriger wird, ist das Aufstehen in unserer Feldenkraisgruppe immer wieder Übungs-Thema: Wenn man es geübt hat zum nächsten Stuhl zu kriechen, sich daran festzuhalten und langsam hochzuziehen, wenn man die Erfahrung gemacht hat, dass das Aufstehen aus eigener Kraft geht, ist die Angst vor dem Umfallen viel kleiner.
Diese Altersregel "Nicht rennen!" hat aber einen zweiten, wichtigen Aspekt: Das Lebens- und Arbeits-Tempo ist für Mitarbeitende und für Bewohnerinnen verschieden. Wir versuchen, unser Tempo dem der alten Menschen anzupassen, in der Meinung, dass es sich – in der Konzentration aufs Wesentliche – angenehmer leben und arbeiten lässt. In diesem Sinn heisst "Nicht rennen!" – trotz der sehr konkreten Klammerbemerkung in der Regel selber – dass wir Mitarbeitende uns in der Mühlehalde so bewegen sollen, als wären wir daheim bei den Bewohnerinnen zu Gast.
9. Beim Führen den Ellenbogen anbieten, eventuell auf Wunsch sich einhängen lassen.
Wenn die blinde Person meinen Ellenbogen hält und sich so führen lässt, haben wir beide den grössten möglichen Spielraum. Manche – besonders ältere – blinde oder sehbehinderte Menschen fühlen sich jedoch sicherer, wenn sie sich einhängen können.
Diese und die folgenden drei Regeln sind Teil der sogenannten "Sehenden Führung", wie sie Mitarbeiterinnen bei Stellenantritt kennenlernen.
10. Die sehbehinderte oder blinde Person nie im Raum stehen lassen, sondern bis zu einer Stelle geleiten, wo sie die Hand an den Handlauf, Wand, Stuhl etc. legen kann.
Seien wir uns dessen bewusst, dass eine blinde Person da wo sie steht sicheren Grund unter den Füssen hat, direkt daneben fehlt dieser jedoch. Zu "wissen", wo man sich befindet, nützt gar nichts. Sobald eine Verbindung zur Einrichtung, zur Mauer oder einem anderen Menschen geschaffen ist, ist die Unsicherheit sofort viel, viel kleiner, ja fast schon gebannt. Um diese rettende Verbindung zu schaffen, reicht eine ganz minimale Berührung.
11. Vor Treppen und Stufen kurz anhalten und sagen, ob es hinauf oder hinunter geht.
Höchst unangenehm ist es, am Fuss einer Treppe beherzt einen Schritt in die Höhe zu tun, dabei führen die Stufen hinunter, oder am Ende einer Treppe noch weiter hinunterlaufen zu wollen und dabei hart aufzutreten. Sinnvoll ist es auch, zu sagen, wie viele Stufen die Treppe hat. Wenn ich als Begleiterin einer blinden oder sehbehinderten Person zuverlässig anhalte, vermag ihr dies ein Gefühl der Sicherheit zu vermitteln. Das Gehen geradeaus kann dann zuversichtlicher vonstatten gehen, da sie sicher ist, eben nicht über Stufen oder Schwellen zu stolpern.
12. Zum Absitzen die Hand an die Stuhllehne oder auf die Sitzfläche führen.
Ich führe Frau Meienhofer in den Saal zum Turnen und dort zu einem Stuhl, der im Kreis steht. Frau Meienhofer hört auf einem Ohr nicht und daher nicht dreidimensional. Sie kann zwar hören, dass andere Menschen im Raum sind, und an den Stimmen erkennt sie diese Menschen auch. Aber sie kann sich nicht vorstellen, wie und wo diese Leute sitzen. Daher kann sie sich auch nicht vorstellen, wie der Stuhl ausgerichtet ist, zu dem sie geführt wird. Wenn ich ihre Hand an die – ihr bekannte – Stuhllehne führe, erkennt sie an der Krümmung derselben, wie der Stuhl ausgerichtet sein muss und kann sich setzen. Frau Büttikofer dagegen ist noch nicht so vertraut mit diesen verkürzten Informationen und für sie ist es daher hilfreich, wenn ich mit ihr zusammen die Rückenlehne, die Armlehnen und den Sitz kurz ertaste. Dann ist sie auch sicher, dass der Sitz leer ist und sie kann sich setzen.
Sehende Menschen verwechseln im Kontakt mit alten Menschen die im Alter sehbehindert oder blind geworden sind, oft die Probleme des Alters mit jenen der Sehbehinderung.
Wenn wir jedoch das Thema Sehbehinderung ins Zentrum unserer Aufmerksamkeit stellen, merken wir, dass z.B. Unsicherheit beim Gehen, Treppen steigen, Hinsetzen und Aufstehen viel mehr mit der Sehbehinderung zu tun haben als mit z.B. mit Bewegungseinschränkungen infolge des Alters. Wir merken, dass Langsamkeit und Unsicherheit nicht dasselbe sind. Langsamkeit ohne Unsicherheit (z.B., weil ich genau weiss, wo und wie der Stuhl steht und nicht fürchte, mich daneben zu setzen) ist etwas Würdevolles. Unsicherheit jedoch ist für die Betreffenden (und auch für Dritte zum Zuschauen) höchst unangenehm. Daher wollen wir Sicherheit vermitteln und wissen, dass dies viel besser gelingt, wenn wir die Ursache der Unsicherheit kennen.
Wenn wir so die Sehbehinderung als Hindernis verstehen und als solche zu überwinden bzw. zu kompensieren suchen, erleben wir das Alter plötzlich nicht mehr als Hinfälligkeit.
13. Damit RollstuhlfahrerInnen nicht lautlos kommen, Glöcklein, Rätschen o.ä. montieren. Der grosse Essenswagen wird gezogen, nicht gestossen.
Diese einfachen sachlichen Anweisungen sind Beispiele dafür, dass auftretende Schwierigkeiten individuell und mit Phantasie gelöst werden können: Wenn jemand Rollstühle immer wieder als Hindernisse empfindet, soll das Problem ernst genommen werden. Unkomplizierte Lösungen können rasch gefunden werden.
Für viele Bewohnerinnen reichen akustische Massnahmen jedoch nicht aus: Sie sind hörbehindert. Damit auch sie sich auf dem Areal wirklich wohlfühlen können, ist es nötig, dass die Mitarbeitenden sich einfühlen und alle möglichen Hindernisse, wie sie im täglichen Arbeitsablauf immer wieder entstehen können, wegräumen, darauf aufmerksam machen oder die BewohnerInnen darum herum führen.
Der Essenswagen hat schon einmal eine Frau zu Fall gebracht. Daher wird er nicht mehr gestossen: Wenn ich den Wagen ziehe ist es ausgeschlossen, dass ich jemanden damit anfahre!
14. Gemeinschaftsräume (u.a. in Bezug auf die Möblierung) so verlassen, wie sie angetroffen wurden. Möblierungsänderungen am Radio 100 mitteilen. Schalter und Briefkästen frei zugänglich lassen.
Alle Mühlehalde-Mitarbeitenden wissen, dass alles in der Mühlehalde an demselben Ort wieder hingestellt werden muss, wo es aufgenommen wurde! Das gilt für die Reinigungsequippe in den Privatzimmern genau wie für alle in den allgemein zugänglichen Räumen. Wird ein Schrank neu irgendwo aufgestellt, so wird dies am Radio 100, unserem akustischen "Schwarzen Brett", mitgeteilt.
3. Gruppe: Unterstützung und Hilfe
Unterstützung ist eine Form von Hilfe: Das lernfreudige Milieu, die Ermutigung aber auch nur schon Ansprache, Kenntnisnahme oder eine positive Erwartungshaltung verstehen wir als Unterstützung und denken uns dabei Hilfe konkreter, als Sachhilfe. Dabei erlauben wir uns, die Begriffe nicht sauber auseinanderzuhalten.
15. Hilfe anbieten (fragen, nicht aufdrängen).
Unter Sehbehinderten geben jene Geschichten immer wieder zu lachen, die davon handeln, wie eine eifrige sehende Person eine sehbehinderte Person über die Strasse retten will, ins Tram rein- oder rauszerrt, kurz, wie sehr die Vorstellung der Sehenden über das, was Blinde können und vielmehr darüber, was sie wollen, oft von der Realität abweicht.
Wenn diese Situationen nicht so lustig wären, weil sich die betreffenden Sehenden mit ihrem Verhalten als Trampels enthüllen, käme die entwürdigende, schmerzliche Seite der Situation zum Tragen, die in einem undifferenzierten Verständnis von Autonomie lange hiess: Du kannst nicht allein entscheiden, du brauchst Hilfe, bist unmündig. "Blind und blöd!" wie der blinde Martin Meyer die Vorstellung Sehender über Blinde stabreimt.
Wenn wir unsere Hilfe anbieten, dann bitte im klaren Bewusstsein, dass wir in dieser Situation jetzt etwas zu geben haben, aber in der nächsten Situation möglicherweise die Bedürftigen sind.
Noch eine Bemerkung zum Thema Hilfe: Wir können aufhören, Lösungen zu finden oder anzubieten. Wir müssen nicht die Probleme der Sehbehinderten lösen, sondern können uns ihnen zu Verfügung stellen, damit sie selber mit unserer Hilfe ihre Probleme lösen.
16. Türen, auch Schrank- und Balkontüren sowie Fenster ganz schliessen oder ganz offen halten. Kleine Schubladen (Fächli) vor dem Speisesaal immer ganz schliessen.
Wer mit blinden oder sehbehinderten Männern und Frauen arbeitet, kennt bald die vielen Schrammen auf Stirnen und Nasen. Neulich gab es sogar gebrochene Rippen! Es scheint einfach nicht zu vermeiden zu sein, dass immer wieder irgendeine Schrank- oder andere Tür halboffen steht und sich jemand daran stösst. Aber erhöhte Achtsamkeit der Sehenden kann die Häufigkeit dieser Verletzungen reduzieren helfen. Bitte besonders da, wo die Ecken und Kanten scharf sind!
17. Falls dies gewünscht wird, eine neue oder nicht mehr vertraute Umgebung erklären (nachfragen, ob/was gewünscht wird!) und zwar präzis: Farben, Formen, Materialien, Dimensionen.
So viele Sehbehinderte es gibt, so viele Möglichkeiten gibt es, mit dem Behindertwerden umzugehen. Manche Menschen wollen sich das nicht mehr Sichtbare möglichst visuell vorstellen oder es erinnern, andere befreunden sich mit nichtvisueller Vorstellung (mit Klangräumen, mit Oberflächenbeschaffenheiten), und wieder andere wollen ihre nicht-visuelle Vorstellung mit der Beschreibung des Visuellen koordinieren. Je nachdem, was gewünscht wird, können wir hier sehende Hilfe leisten.
In der Arbeit mit alten Menschen gilt es oft, Müdigkeit richtig einzuschätzen und möglichst von Mutlosigkeit zu unterscheiden: Wenn jemand nicht weiss, dass die Welt auch für Sehbehinderte bunt und reich sein kann oder was es dazu braucht, damit sie es wieder wird, wenn er deshalb mutlos wird, ist Information angezeigt. Die Fachtrainerinnen werden diese Hilfe leisten. Wenn jemand jedoch müde ist und im jetzigen Lebensabschnitt kein buntes Leben mehr braucht, sondern Musse, z.B. um Gedanken im Kopf zu Ende zu bringen, so ist Zurückhaltung angezeigt, dann muss gar nichts gelernt werden. -
Bloss, viele alte Menschen sind selber der irrigen Meinung, Lernen im Alter sei nicht mehr möglich – oder aber, sie verbinden Lernen mit üblen Lernerfahrungen, die sie selber vor 60, 70, ja 80 Jahren gemacht haben und möchten heute davon nichts mehr wissen! Verständlich: Auch hier ist Information – darüber, was Lernen heute heisst und wie es geschieht – angebracht.
18. Im Zimmer, auf dem Nachttisch, beim Essen im Speisesaal auf dem Tisch nur Dinge verschieben, wenn dies unbedingt nötig ist oder die Bewohnerin oder der Bewohner es wünscht. Jedenfalls darüber informieren.
So selbstverständlich diese Regel ist, so schwierig ist sie einzuhalten und es hilft, sie immer wieder zu benennen. Daher sind mit der Formulierung "Im Zimmer, auf dem Nachttisch, beim Essen im Speisesaal" drei verschiedene Situationen angesprochen: Mit "Im Zimmer" ist die Reinigungssituation in Zimmer oder Badezimmer gemeint, mit "auf dem Nachttisch" ist die Pflegesituation bei einer bettlägerigen Person angesprochen, und mit: "im Speisesaal" – klar – ist der Speisesaal gemeint, dieser steht aber stellvertretend für das ganze Haus (vgl. Nr. 10).
19. Geduld haben und die Bewohnerin, wenn möglich und gewünscht, selber machen lassen.
In dieser Regel sind zwei Dinge verpackt:
Geduld haben heisst, sich auf das zu konzentrieren, was wir eben tun, nicht bereits die nächste Aufgabe im Kopf haben. Wir wissen ja, dass alles leichter und schneller geht, wenn wir gelassen sind und innerlich bei der Sache. Es aber im Alltag auch wirklich zu tun, ist nicht immer einfach. Die doppelte Langsamkeit alter und sehbehinderter Menschen gibt uns die Möglichkeit, dies zu üben.
Förderung durch Forderung bedeutet, die Bewohnerin selber machen zu lassen und sie darin zu unterstützen. Doch aus Höflichkeit der älteren Person gegenüber hebe ich den heruntergefallenen Stock natürlich auf. Der Ausweg aus dem Dilemma heisst: "wenn möglich und gewünscht". Damit ist die Autonomie der sehbehinderten Person gewahrt, wenn sie die Förderung durch Forderung will, nur dann sind wir als Gerontagoginnen legitimiert.
20. Essen erklären nach der Uhr.
Das Essen liegt auf dem Teller wie auf einem Zifferblatt: Das Fleisch unten bei 6.00h, die Beilage zwischen 12.00h und 3.00h, das Gemüse zwischen 9.00h und 12.00h.
Essenshilfe ist ein Teilbereich von LPF, aber die KollegInnen des Bereiches Wohnen/Pflege oder die Mitarbeiterinnen im Speisesaal sind zuerst mit Schwierigkeiten beim Essen konfrontiert. Ob Hilfe zum Zerkleinern gebraucht wird, ob Motivation zum Essen und Geniessen angebracht wäre, das sind delikate Fragen. Die Scham und das Schuldgefühl, sehbehindert zu sein und infolgedessen dies und jenes nicht mehr zu können, ist oft gross. Manche Menschen essen lieber nicht, als dass sie dafür Hilfe beanspruchen würden.
Wenn wir diesen Menschen aber sagen, wie unnötig diese Scham ist, verringern wir nicht die Scham, sondern verstärken das Gefühl von Unverstandensein und Einsamkeit.
In diesem Lebensbereich zeigt sich im Heim die Behinderung nicht nur am Schmerzlichsten sondern auch folgenschwer. Immer weniger zu essen ist eine Möglichkeit, das Sterben – bewusst oder unbewusst – zu beschleunigen. Solange die Sehbehinderung nicht ein gutes Stück weit angenommen ist, gestaltet sich Essenshilfe als sehr schwierig. Die Sehbehinderung wird in vielen Köpfen und Herzen, nicht zuletzt der Klientinnen und Klienten selber, mit "abgebaut", "hilfsbedürftig" und "unwert" gleichgesetzt. Daher braucht es für die Akzeptanz: Ein lernfreudiges Grundklima im Heim, unterstützende Mitbewohnerinnen, LPF-Fachhilfe und allenfalls gerontopsychologische Unterstützung.
21. Taktvoll und diskret auf Flecken auf den Kleidern aufmerksam machen und Hilfe anbieten zum Säubern.
Ich habe es noch nie erlebt, dass eine Bewohnerin oder ein Bewohner verletzt oder pikiert reagiert hätte, wenn er oder sie auf Flecken oder schadhafte Stellen in der Kleidung aufmerksam gemacht wurde. Im Gegenteil, solche Hinweise sind einfach notwendig und sie geben die Sicherheit, dass sonst, wenn nichts gesagt wird, eben mit der Kleidung alles in Ordnung ist.
22. BewohnerInnen und ihren Umgang mit der Sehbehinderung nicht miteinander vergleichen.
Sehbehinderte und Blinde sind so verschieden voneinander wie Sehende. Das einzige, was sie verbindet, ist die Sehbehinderung selber. Wie sie damit umgehen, welche Geschichten sie mitbringen, welche Lernmethoden oder Problembewältigungsstrategien sie haben, ob sie phantasievoll oder mit Temperament an ihre Situation herangehen oder von vorneherein mutlos sind – wir sollen bzw. wollen unsere Bewohnerinnen und Bewohner nicht ändern. Sie sollen als die Person die sie sind Unterstützung bekommen.
Wenn wir vergleichen, tun wir dies vielleicht als Orientierungshilfe für uns selber. Wir glauben vielleicht, ein Problem verstanden zu haben und einen Massstab gefunden zu haben. Damit werden wir in unserer Aufgabe sicherer. Die so gewonnene Sicherheit verstellt in der Arbeit mit Menschen jedoch den Blick fürs Wesentliche: fürs Besondere jedes Einzelnen. Ausdruck von Professionalität ist es, offen fürs Besondere auf jeden Menschen zuzugehen.
"Frau Müller macht es doch auch so", heisst vielleicht: "Ich habe gesehen, dass Frau Müller eine Lösung gefunden hat, die funktioniert." Diese Lösung möchten wir Frau Wagner auch beliebt machen. Ob diese Lösung für Frau Wagner aber auch hilfreich ist, ist von vielen Randbedingungen abhängig.
23. Um die Privatsphäre zu wahren, vor dem Betreten der Zimmer anklopfen, die Aufforderung abwarten, beim Eintreten sofort den eigenen Namen nennen.
Diese Regel ist eine ausgesprochene Heimregel und hat vorerst nichts mit Sehbehinderung zu tun: das Zimmer der Bewohnerin ist ihre Wohnung und wir haben diese zu respektieren wie die Wohnung unseres Nachbarn im Wohnblock. Bei ihm überlegen wir nicht einmal, warum wir nicht einfach in seine Wohnung hineinspazieren, dies ist so sonnenklar, dass es keine Begründung braucht. Anders im Heim: Hier fühlen wir Mitarbeitenden uns zugehörig, hinter der Tür ist meine Aufgabe und ich meine oft, nicht die Zeit zu haben, um lange vor verschlossenen Türen zu stehen. Doch! Es ist gut investierte Zeit: Weil wir dem Gefühl von Ausgeliefertsein entgegenwirken wollen, respektieren wir die Wohnung konsequent.
Wenn wir uns weiter bewusst machen, dass die sehbehinderte Person uns nicht erkennen kann ausser an der Stimme, ferner dass ihre Kontrollmöglichkeit eingeschränkt ist und von der Bereitschaft der anderen, "Ton aazgää"1, abhängt, so wird sofort klar, dass wir eine höhere Verpflichtung haben, diese Regel sehr ernst zu nehmen, als dies unter Sehenden der Fall ist.
Auch dies ist eine Möglichkeit, das subjektive Gefühl von Sicherheit zu unterstützen.
24. Zuhören
Zuhören!
Zuhören, aktives, engagiertes Zuhören im Beruf ist schwierig, es ermüdet, es ist Arbeit.
Dieses Zuhören ist einerseits vergleichbar mit dem was ich mache, wenn mir meine gute Freundin ihr Herz ausschüttet: Geduldig und vollständig zugewandt höre ich ihr zu, auf der Basis einer ermunternden und solidarischen Grundstimmung. Aber anders als im Privaten sage ich in der Arbeit nicht, was ich finde und was nun meines Erachtens zu tun ist, wie ich es bei meiner Freundin darf und soll.
Anders als im Privaten bin ich in der Arbeit mit alten Menschen – noch mehr als in anderen Bereichen agogischer Arbeit – gefordert, die Klientin mit meinem Fachwissen zu unterstützen das zu tun was für sie richtig ist. In anderen Bereichen agogischen Arbeitens, mit Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen geht es immer auch darum, ihnen meine Einstellung zur Welt transparent zu machen und als Handlungsmuster anzubieten oder wenigstens zu diskutieren. Die jungen Menschen müssen das Leben lernen.
Gegen Ende eines langen Lebens geht es nicht mehr darum, zu lernen, das Leben zu meistern. Die Ziele, die man im hohen Alter hat, sind andere. Denken wir nicht, wir wüssten, welche es sind: Was jetzt Sinn macht, das zu bestimmen liegt einzig und allein beim alten Menschen. Und je nach dem Ziel sind die Lernziele in Zusammenhang mit der Sehbehinderung verschieden. Das heisst, dass wir zu dem Was, den Lebenszielen, nichts zu sagen haben, sondern unsere Hilfe anbieten, wenn es darum geht, das Wie zu klären.
Unsere Vorstellung darüber, was für Frau Langenegger beispielsweise jetzt gut wäre ist erst erlaubt, wenn wir sicher sind, das WAS, ihr Lebensziel oder ihre Lebensziele, genau verstanden zu haben.
Das einzige, was wir nicht tun können, ist Unterstützung in Richtung Selbsttötung. Damit ist auch gesagt, dass wir uns – mit unserer Fachkenntnis und unserer Lebenskraft – einmischen, wenn uns diese oder jene Bewohnerin gar melancholisch scheint.
In der Arbeit mit alten Menschen sind starke Persönlichkeiten nötig, solche, die das Leben in all seinen Facetten gern haben und niemandem zu seinem/ihrem Heil verhelfen müssen. Hier geht es darum, zu hören, zu lernen allenfalls, und der Person dazu zu verhelfen, das zu tun, was sie will oder braucht. – Warum haben so viele Leute so schreckliche Abscheu vor Heimen, besonders vor Altersheimen und noch viel mehr vor Pflegeheimen? Weil man da auf Hilfe angewiesen ist! Aber nicht in erster Linie, wie es so oft gesagt wird, weil man nicht gerne zur Last2 fallen will, sondern weil man sich vor dem Ausgeliefertsein fürchtet! Darum will man doch zu Hause sterben, weil man da sicher ist, dass keine – noch so wohlmeinende Person – kommt und mich biegt und bricht.
Diese grundsätzlichen Bemerkungen über Zurückhaltung in der Altersarbeit gehören hierher, weil man – sehbehinderte Menschen sind davon nicht ausgenommen3 – beim Zuhören merken kann, ob die Zuhörende innerlich findet: "Son‘ Quatsch, ich lass die doch einfach schwätzen" oder ob eine Zuwendung im Zuhören da ist, eben aktives Zuhören praktiziert wird. Aufrichtigkeit ist also bei unserer Arbeit selbst beim Schweigen notwendig!
Zuhören bedeutet in erster Linie wirklich hören, was meine Gesprächspartnerin auf der inhaltlichen Ebene sagt. Wenn ich nicht gefragt werde, ist meine Meinung zum Thema nicht wichtig. Eine Vertiefungsfrage kann aber Zeichen dafür sein, dass ich am Thema interessiert bin.
Zuhören heisst sodann, hinsehen, die ganze Person wahrnehmen: Stimmen Körperhaltung, Mimik und Gestik mit dem überein, was gesagt wird? Was drücken diese nonverbalen Kommunikationsmittel aus? Stimmen Sach und Gefühlsebene überein? Welches Gefühl habe ich? So kann ich zu verstehen suchen, was unter der geäusserten Oberfläche liegt.
Aber aufgepasst: Alles, was nicht gesagt ist, was ich also mit Beobachtung und Intuition wahrnehme, ist gar rasch interpretiert! Der Respekt verlangt, das, was ich auch noch wahrnehme, sehr zurückhaltend zu behandeln: Ich gehe davon aus, dass mein Gegenüber seine Gründe hat, das zu sagen, was es sagt. Was ich darüber hinaus wahrnehme, hilft mir dabei, im Gespräch sorgsam zu sein, beispielsweise damit ich nicht etwa da, wo ein Thema bereits aufwühlt, weiter nachbohre.
Es kommt oft vor, dass blinde Menschen wenig Mimik zeigen. Das kann irritierend sein. Sind wir uns daher unsicher über die Gefühlslage unseres Gegenübers, möchten aber Sicherheit haben, so fragen wir doch nach!
25. Behinderungsspezifische Wünsche im Zusammenhang mit der Sehbehinderung deuten, (z.B. bei Blendung darauf achten, dass die Lichtquelle im Rücken ist; Rolladen geschlossen lassen etc), allenfalls Fachkollegin fragen.
"Es bländet!" Ich ziehe die Tages-Vorhänge zu. "Ischs besser?" "Nei, s‘ bländet nu no mee!" (Die Sonne scheint und die Vorhänge streuen das Licht regelmässig im Raum. Die Blendwirkung erhöht sich also.)
Äusserungen und Wünsche, die mit der Sehbehinderung in Zusammenhang stehen könnten, sind von uns weder anzuzweifeln noch "richtig zu stellen". Die sehbehinderte Person mag an einem Tag gar nichts sehen, mich am andern Tag aber schon von weitem erkennen. Sie mogelt dabei nicht und zieht sicher keinen Nutzen aus der Sehbehinderung. Die Tagesform kann tatsächlich beträchtlich schwanken, je nach individuellem Allgemeinzustand, nach Wetterlage, nach den Lichtverhältnissen usw. Wir müssen das einfach zur Kenntnis nehmen. Sogar wenn wir den Eindruck haben, dass uns da jemand aber ganz schön "geniesst": Es steht uns nicht zu, darüber zu urteilen – Misstrauen unsererseits bewirkt höchstens, dass sich Vertrauen nicht einstellen kann.
26. Der sehbehinderten Person helfen, die Sinne zu benutzen, zu tasten, spüren, hören, riechen, schmecken.
Wir Sehenden können ganz gemütlich unsere Augen schweifen lassen. Was wir sehen, können wir mit anderer Sinneswahrnehmung weiter vermitteln. Die Sinne wollen geübt sein. Weil Menschen, die jetzt unter dem Sehverlust leiden vor lauter Leid kaum offen sind für anderes, können wir andere Wahrnehmungen immer wieder anbieten. – Ohne uns durch Desinteresse entmutigen zu lassen! Wir sehen beispielsweise, aha, da wird gebacken: Riecht man das auch? Wir sehen, aha, da rumpelt der Gärtner mit einer grossen Schubkarre voller frischer Äpfel durch die Halle: Erkennt man die Karre am Geräusch? Kann man einen Apfel bekommen, fühlen, wie kühl und fest er in der Hand liegt?
Dieses Gebiet der Arbeit mit sehbehinderten alten Menschen wirft ein ganzes kulturelles Erbe über den Haufen: Wer – in der Generation der heute 80 bis 100jährigen – ist in einer sinnlichen Umgebung aufgewachsen? Die puritanische Schweiz der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts hatte hart gearbeitet und sich vieles versagt. Nun sollen diese Menschen – mehrheitlich Frauen – im Alter Sinnlichkeit lernen. – Ja sicher, Sinneswahrnehmung macht dann Sinn, wenn sie mit Freude – eben Sinnesfreude – verbunden ist.
Dies können wir besser vermitteln, wenn wir uns darüber klar sind, wie gross der Schritt zur sinnlichen Wahrnehmung für viele ist. Aber nicht nur unsere Bewohnerinnen lernen dabei:
Wir Sehenden können wieder bewusst Tasten und Spüren unterscheiden. Gemeint ist dabei, eine Sache zu ertasten, den Lufthauch auf der Wange beispielsweise zu spüren. Blinde Menschen können uns lehren, wie differenziert Anfassen sein kann: Legen wir jemandem beruhigend die Hand auf den Arm zu legen, so geben wir eine Information: ich bin da, ich habe Zeit, sie sind nicht allein. Dies ist ein menschlicher Kontakt, eine Begegnung. Tasten ist aber vorerst nicht Körperkontakt sondern sachliche Orientierungshilfe, wir nehmen Information. Wenn sich die Hand Information holt, reicht ein leichtes mit-der-Hand-über-den-Tisch-Hingleiten, um zu sehen, wo was gedeckt ist. Es braucht unter Umständen nur einen kleinen Teil einer Fingerkuppe, um zu merken, aha, da ist der Handlauf. Er ist schmutzig, nass oder kalt, ich brauche ihn nicht mit der ganzen Hand anzufassen, ich kann mit dem Finger der sauberen Unterseite des Laufs folgen und so zügig ausschreiten. Schmutz4, Wasser oder Kälte brauchen nicht als abstossend empfunden zu werden. Es ist eine Frage der Einstellung – unserer Einstellung – ob die Erfahrung aha, das ist nass, als interessant oder als abstossend empfunden wird.
Menschen, die diese Art von Orientierung neu lernen, müssen Hemmungen überwinden. Wir Sehenden haben als Kinder gelernt, nicht mit den Händen zu schauen. Welcher Verlust übrigens! Darüber hinaus ist es für Blinde immer mit "Gefahr" verbunden, die Hände vorzustrecken, man könnte sich oder jemanden oder etwas an- oder umstossen, könnte sich schmutzig machen (wie bekomme ich meine Hände wieder sauber?!) oder sich ungehörig benehmen.
Orientierungstraining, Training in lebenspraktischen Fähigkeiten ist der Beruf der O&M- bzw. LPF-Trainerinnen. Wir anderen Helfenden können aber viel beitragen, indem wir das Gesehene in andere Sinneswahrnehmungen übersetzen und darauf aufmerksam machen. Tun wir das beiläufig, mit steter Wachheit, so schärfen wir die eigenen Sinne, erweitern möglicherweise den Erlebnisbereich der Bewohnerinnen und wecken im besten Fall erneut ihre Neugier aufs Leben.
Ganz besonders erwähnenswert ist das Schmecken. Essen kann lustvoll sein. Nun war in unserer puritanischen Kultur vielerorts Essen aber eher in demütiger Dankbarkeit als Nahrungsaufnahme zu absolvieren als zu geniessen. Wenn es uns nun gelingt, Essen und Schmecken mit Genuss zu verbinden, ist viel Lebensqualität gewonnen. Weil das Schmecken im Alter abnehmen kann, ist bewusstes Wahrnehmen eine Hilfe, die Verminderung der Wahrnehmungsfähigkeit hinauszuzögern.
27. Führhunde nicht ablenken! Kein Schnalzen, Zurufen, Streicheln, Füttern!
Führhunde im Geschirr sind an der Arbeit. Lenken wir sie ab, so beeinträchtigen wir ihre Leistungsfähigkeit. Aber auch mit Führhunden, die nicht im Geschirr sind, soll Kontakt bloss über ihre Menschen aufgenommen werden.
4. Gruppe: Körperkontakt
In dieser Gruppe der goldenen Regeln geht es vornehmlich um Abgrenzung. Wir haben immer wieder davon gesprochen: Grenzen sind für sehbehinderte und sehende Leute verschieden erfahrbar. Grenzüberschreitungen in der Arbeit sind schlimmer als im Privaten, weil die andere Person meist abhängiger ist. Uns Helferinnen obliegt die Verantwortung für die ganze Beziehung. Grenzen zu setzen und sie strikte einzuhalten ist daher eine wichtige Aufgabe der Berufsperson. Dabei ist es wichtiger, dass die Grenze eingehalten wird als wo sie gezogen wird, denn – auch dieses haben wir mehrfach betont -für die Bewohnerin geht es darum, wieder Sicherheit zu erlangen.
Die folgenden Bemerkungen gelten für den Umgang mit stark pflegebedürftigen Menschen genauso wie für selbständige.
28. Person zuerst ansprechen, erst anschliessend unter Umständen anfassen.
Wenn jemand gewaschen werden muss kann man manchmal beobachten, dass diese Person ganz in sich zurückgezogen scheint: notgedrungen, denn sie muss ihre Nacktheit hinter ihrer nackten Haut schützen. Sie wirkt körperlich unbeteiligt, sogar wenn wir miteinander in eine spannende Unterhaltung verwickelt sind. Dieser Person sind wir zu nahe gekommen.
Wenn es uns aber gelingt, die Person anzusprechen, eine Vertrauensbasis zu schaffen und sie spürt, dass wir mithelfen, ihre Nacktheit zu schützen, beispielsweise mit fortwährendem Zudecken, so kann sie sich – entsprechend ihrer Biographie und der Chemie zwischen uns – entspannen.
Ganz ähnliches geschieht, wenn wir jemanden anfassen, ohne vorher ausreichend Kontakt aufgenommen zu haben, auch wenn das Gegenüber vollständig angekleidet ist. Wir brauchen immer die ausdrückliche oder stillschweigende Einwilligung für Körperkontakt, auch wenn dieser sachlich gerechtfertigt oder gar unumgänglich ist.
29. Körperkontakt als Information, nicht als Kosen gestalten.
Oben unter Punkt 26 haben wir über verschiedene Qualitäten von Berührung gesprochen. In der Arbeit mit alten sehbehinderten Menschen finden oft Berührungen statt, wir führen Leute, zeigen etwas, helfen beim Essen und so fort. Meist sind diese Berührungen sachliche oder emotionale Informationen. Sie sollen sorgsam und wertschätzend sein. Aber belassen wir es dabei. Wenn wir kosende Zuwendung und sachlich/emotionale Information vermischen, so sind wir nicht mehr klar. Die Information wie die körperliche Zuwendung würden beide entwertet.
Verwechseln wir nun aber die Dinge nicht: Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, jemandem die Hand auf die Schulter zu legen, den Arm zu drücken oder die Hand in die Hand zu nehmen. Diese Gesten sind aufmunternder Art, sie sind Information und bedeuten: "Sie sind nicht allein. Ich weiss, dass sie es schwer haben und möchte ihnen sagen, dass wir sie nach Kräften unterstützen." Wenn die Bewohnerin dann meine Hand wiederdrückt, so heisst das: "Ich bin froh, dass sie es so gut mit mir meinen, das hilft mir."
Versichern wir uns dabei aber, dass die Information eindeutig bleibt. Solange das Befinden der Bewohnerin im Zentrum steht, ist die Situation klar und unproblematisch. Sobald mein eigenes Befinden mit hineinspielt, ist die Grenze professionellen Handelns nicht mehr gewahrt.
30. Art und Intensität des allfälligen Körperkontaktes der Bewohnerin überlassen, eigene Grenzen klar einhalten.
Passen wir auf, dass wir nicht die Bewohnerinnen vor lauterer Zuneigung überschütten und mit Umarmungen zudecken: Unser emotionales Gleichgewicht regeln wir im Privaten. Für die Bewohnerinnen ist das Heim das Private, wir Helfenden bevölkern diesen für sie privaten Raum. Daher ist Körperkontakt immer erlaubt, solange er Herzlichkeit ausdrückt und klar die Befindlichkeit des Gegenübers im Zentrum steht.
Frau Frank streichelt gerne meine Wange. Zuerst sagt sie: "Ah, sie lacht!" Frau Frank spürt an der Wange, dass ich lache. Dann will sie weiter und weiter streicheln. Dies ist soweit in Ordnung, weil sie es wählt, sie geniesst das Streicheln. Mir wird es aber bald zu viel, besonders, weil ich weiss, dass ein Kneifen in die Wange die ganze Zuneigungsbezeugung abschliesst. Um dem Kneifen zu entgehen, beende ich die Situation. Solange die Bewohnerin den Kontakt wählt und bestimmt, solange dabei meine Grenzen nicht überschritten werden, nimmt niemand Schaden. Sobald ich aber für mein Wohlgefühl von der Bewohnerin Zärtlichkeit abholen würde, wären Auftrag und Inhalt der Arbeit krass verfehlt.
1 – "Ton aagää" ist im Versteckspiel der Kinder eine Hilfe: Wenn alle so gut versteckt sind, dass ich nie-manden finden (sehen) kann, darf ich bitten: "Ton aagääää", dann müssen sich die Versteckten mit einem Laut melden. Gemeint ist hier dieses "Ton aagää", nicht dasjenige dessen, der das Sagen hat.
2 – Was ist das für eine Last? Für wen? Warum soll es sich hier um Last handeln?
3 – Im Gegenteil, fügen manche Lesende wohl im Geiste an. Ja, vielleicht. Andererseits hat es nichts Mys-teriöses auf sich mit diesen Blinden, sie sind auch nicht Übermenschen, weder mit einem besseren Gehör versehen als Sehende, noch mit sonst einem zusätzlichen Sinn. Sie haben das Hören allerdings notgedrun-gen besser trainiert. (Es sei an dieser Stelle auf Jean-Jaques Lusseyrants Beschreibung sinnlicher Wahr-nehmung in seinem Buch: "Das wiedergefundene Licht" verwiesen.) Oft werden Blinde einerseits über-höht und andererseits nicht für voll genommen. Beides beruht auf Unkenntnis, ist unnötig und verhindert einen klaren, erwachsenen Kontakt zwischen Sehenden und Sehbehinderten.
4 – Schmutz – eine sympathische Definition mir unbekannten Ursprungs heisst: Schmutz ist Materie am falschen Ort. Schmutz ist selten gefährlich. Es reicht meistens aus, sich zu erinnern, dass man schmutzige Hände hat, nachher möglichst wenig anzufassen und sie bei der nächsten Gelegenheit mit Seife zu waschen.
